22.07.09 12:48

Blütenstaub mit Zuckerguss

Blütenpollen haben einen robusten Schutzmantel, der Wind, Wetter und sogar der Zeit trotzt. Der Stoff, aus dem die resistente Pollenhülle geschnitzt ist, heißt Sporopollenin. Bisher ging man davon aus, dass alle Blütenpollen von dieser beständigen Substanz umhüllt sind. Vor kurzem entdeckten Botaniker jedoch eine Sensation: Die Oberfläche von Aronstab-Blütenstaub besteht nicht aus Sporopollenin, sondern aus Polysacchariden – sozusagen aus Zucker.

Stachlig oder glatt?

Michael Hesse glaubt nicht an Zufälle. Trotzdem klingt es wie eine glückliche Fügung, wenn der Blütenstaubforscher von der unglaublichsten Entdeckung seiner Karriere erzählt: Routinemäßig schaute er sich die elektronenmikroskopische Abbildung eines scheinbar gewöhnlichen Blütenpollens aus der Familie der Aronstabgewächse (zum Beispiel Philodendron) an. Plötzlich traute er seinen Augen nicht mehr: Offensichtlich bestand die Pollenoberfläche nicht wie sonst bei Blütenstaub aus der resistenten Pollenhülle Sporopollenin, sondern aus Zucker.

Seit jeher herrschen in der Pollenforschung geteilte Meinungen über das Aussehen des Aronstabpollens. Manche Lehrbücher beschreiben den Pollen als stachelbesetzt, andere wiederum als glatt. Hesses überraschende Endeckung beweist nun, dass beide Beschreibungen zutreffen: Da die "süßen Stacheln" vieler Araceae-Pollenkörner nicht lange halten, bevor sie zergehen wie Zucker im Kaffee, hängt es vom Fundzeitpunkt bzw. der Probenaufbereitung ab, wie sich der Blütenstaub dem Blütenstaubsammler präsentiert.

Kurzlebiger Pollen

Aber damit sind noch lange nicht alle Rätsel um den "Ausnahmepollen" gelöst. Ein Blütenpollen ist deshalb beständig, weil er zumindest so lange überdauern muss, bis er die weibliche Blüte eines Artgenossen bestäubt hat. Mit seiner zuckrigen Oberfläche ist der Araceae-Pollen jedoch extrem kurzlebig und selten mehr als einen Tag und eine Nacht funktionsfähig.

Michael Hesse vom Department für Palynologie und Strukturelle Botanik interessiert vor allem der Sinn hinter dieser evolutionären Ausnahmeregelung: "Es muss einen funktionalen Zusammenhang zwischen der Kurzlebigkeit des Pollens und dem artspezifischen Bestäubungsmechanismus der meisten Araceae-Gewächse geben." Diese Vermutung liegt deshalb nahe, weil viele Vertreter der Familie Araceae im Laufe der Evolution eine sehr ungewöhnliche Methode entwickelt haben, um ihre Fortpflanzung zu sichern: Sie locken Bestäuberinsekten buchstäblich in die Falle.

Pflanze fängt Insekten zur Bestäubung

Die geniale Insektenfangvorrichtung der Aronstabgewächse unterscheidet sich von Art zu Art, das Prinzip ist dasselbe: Das Hochblatt umschließt den Blütenkolben wie ein Kessel. Während der Blütezeit strömen die Pflanzen einen für menschliche Nasen bestialischen Gestank aus, der jedoch Fliegen und Käfer magisch anzieht. Auf der Suche nach der Quelle des Geruchs rutschen die Insekten am Blatt aus und fallen in den Grund des Kessels hinab, wo sich die weiblichen Blüten befinden. Dort hält der Aronstab die Insekten fest, bis der Zweck ihrer Gefangenschaft, die Bestäubung, erfüllt ist.

Perfektes System

Am nächsten Morgen dürfen die Tiere wieder hinaus ins Freie. Um zum Ausgang zu gelangen, müssen sie jedoch an den männlichen Blüten vorbei, die nahe am Kesselrand sitzen und sich inzwischen geöffnet haben – ein minutiös abgestimmtes Verfahren. In Freiheit werden die pollenbeladenen Insekten bei der nächsten Kesselfalle erneut getäuscht, und das Spiel beginnt von vorne.

In seinem neuen Projekt will Michael Hesse nun beweisen, dass der Araceae-Pollen seine süße Oberfläche im Laufe der Evolution der verschiedenen Kesselfallenformen mehrfach und unabhängig voneinander entwickelt hat.

http://www.botanik.univie.ac.at/index.php
http://www.lagamba.at/researchdb/pagede/index.php

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