Chirurgin aus Leidenschaft
Schwein gehabt…
Ich bin heute 41 Jahre alt. Mein Studium ist etwas anders verlaufen als geplant. Da ich von einem Bergbauernhof komme und die Älteste von 5 Kindern bin, war eigentlich eine Lehre als Schneiderin für mich vorgesehen. Glücklicherweise hatte ich mit 7 Jahren ein Schlüsselerlebnis – ich war bei einem Kaiserschnitt bei einem Schwein dabei. Meine Eltern waren nicht da. Da half ich dem Tierarzt bei der Operation. Von diesem Augenblick an war für mich klar, dass ich Chirurgin werden wollte.
Sowohl von den Eltern als auch von den Lehrern wurde mein Berufswunsch als Spinnerei etc. abgetan. Das bedeutete, dass ich sowohl das Gymnasium als auch das Studium gegen den Willen und Rat meiner Eltern absolvierte. Die finanzielle Situation war von Anfang an sehr schwierig, so dass ich immer mein eigenes Geld verdienen musste. Deshalb habe ich verschiedenste Jobs, wie z.B. als Kellnerin, Putzfrau, Köchin, Kindermädchen, Außendienstmitarbeiterin bei einer Kaffeefirma und Pflegehelferin angenommen. Natürlich konnte ich dadurch nicht immer alle Vorlesungen und Praktika besuchen. So verzögerte sich mein Studienfortschritt und ich begann manchmal zu zweifeln.
OP - ein heißgeliebter Arbeitsplatz
Wie es der Zufall wollte, erzählte mir ein Studienkollege, dass man in Deutschland auch im Krankenhaus arbeiten könnte, wenn man mit dem Studium noch nicht fertig sei. Deshalb bewarb ich mich für Kost und Logis bei verschiedenen Krankenhäusern in Deutschland. Dort begann ich als Pflegehelferin in einer Klinik für plastische Chirurgie in Wiesbaden. Hier hatte ich einen tollen und begabten Chirurgen als Chef, der mich bald in den Operationssaal mitnahm. Nach einiger Zeit waren gleichzeitig mehrere Operationsschwestern krank und ich wurde als Op-Schwester angelernt. Endlich war ich dort wo ich immer hin wollte, im OP und es war einfach nur toll. Jetzt war ich mir 100%ig sicher, dass die Chirurgie das einzig Richtige für mich ist.
Am Ende des Studiums kam ich durch Zufall ins Praktikum auf die Thoraxchirurgie. Ich durfte dort, so oft ich wollte, in den OP gehen und kam erstmalig mit der Wissenschaft in Kontakt. Auf der Thoraxchirurgie wurde gerade eine Studie über Antibiotikakonzentrationen in kranken Geweben am schwerkranken Patienten durchgeführt und schon war ich schon bald mit im Team, das diese Studie betreute. Ich erkannte, dass Wissenschaft immens wichtig ist und keinesfalls so trocken wie ich mir das vorgestellt hatte – im Gegenteil: Es ist wahnsinnig spannend.
Das Ziel nicht aus den Augen verlieren!
In Summe kann ich nur sagen, dass man sich durch nichts und niemand seine Visionen und Träume nehmen lassen darf und dass sich auch nach Rückschlägen immer wieder Möglichkeiten ergeben, die einem weiterhelfen sofern man sein Ziel nicht aus den Augen verliert. Alle diese Zufälle führten dazu, dass ich dann auch auf der Thoraxchirurgie eine wissenschaftliche Ausbildungsstelle für Chirurgie bekommen habe und heute noch sehr glücklich darüber bin.
Bei allem Interesse an Neuem sollten immer der Patient und dessen Wohl im Vordergrund stehen. Trotz vieler interessanter Ideen bleibt für Forschung bei einer Wochenarbeitszeit von 70h und mehr oft zu wenig Zeit. Umso größer war die Freude als mich das Rektorat anrief und mir mitteilte, dass ich zur Forscherin des Jahres 2008 ausgezeichnet würde. Ich konnte es zuerst gar nicht glauben. Als mir der Rektor die Urkunde und so eine Trophäe mit einem eingravierten Mikroskop und einer
Spritze überreichte, war das ein unvergleichbares Hochgefühl.
Ich liebe die Arbeit am Patienten und im Operationssaal und könnte mir niemals vorstellen etwas völlig anderes zu machen. Deshalb möchte ich auch weiterhin versuchen alle Bereiche (Forschung, Lehre und Patientenversorgung ) zu vereinen. Um gut arbeiten zu können finde ich ein glückliches privates Umfeld mit Partner, Familie und Freunden besonders wichtig.
Ein Rat und eine Einladung
Abschließend möchte ich allen, die das lesen nur folgenden Rat geben: Versucht eine Ausbildung zu machen, die euch Spaß macht, egal ob jemand anderer davon überzeugt oder begeistert ist. Man verbringt auf seinem Arbeitsplatz sehr, sehr viel Zeit. Deshalb sollte sie unbedingt Freude machen. Außerdem wird man nur richtig gut in seinem Job, wenn man nicht nur mit Hirn, sondern auch mit Herz und Leidenschaft dabei ist.
Sollte jemand Lust auf diesen Beruf bekommen haben, lade ich jeden gerne ein einen Tag mit mir an meinem Arbeitsplatz zu verbringen.
Veronika Matzi




